anspruchsvoll entscheiden: systemisch konsensieren mit acceptify

Kurzfassung

Mehrheitsentscheidungen führen immer wieder zu unangenehmen Wirkungen.

Machtspiele sind lästig und langfristig schädlich.

Den Konsens in einem Gespräch zu suchen, kann anstrengend sein!

Ein pfiffiger Perspektiven-Wechsel führt zu unerwartet hoch akzeptierten Lösungen: durch „konsensieren“.

Jetzt gibt es eine leistungsfähige online-Werkzeug für dieses Verfahren: acceptify.at

Mehrheitsentscheidungen haben deutliche Nachteile.

Immer wieder wird begründet bezweifelt, ob die üblichen Mehrheitsentscheidungen günstig sind, denn es gibt häufig „Verlierer“ oder taktisch Unterlegene.

Dank an den Hinweisgeber

Im Januar 2017 wurde ich durch meinen aufmerksamen, ständig neue Ideen findenden Freund Gunnar Thörmer auf eine interessante Alternative aufmerksam:

Das SK-Prinzip oder „konsensieren“

Im privaten Bereich und in kleinen Gruppen geben wir uns normalerweise Mühe, eine für alle Beteiligten akzeptable Lösung – also einen guten Konsens – zu finden. Die Schäden an den Beziehungen wären sonst einfach zu hoch.

Wie kann dieses Prinzip auch für größere Gruppen mit verträglichem Aufwand angewendet werden?
Wir suchen auch dort Lösungen, die für die allermeisten Fälle ohne „Verlierer“ oder „Überstimmte“ ausgehen könnten.

Der Dreh: Die Perspektive wird auf die Widerstände gegen die einzelnen Optionen gewendet. Das heißt, die normalerweise schwarz-weiß unterscheidende Mehrheitswahl wird in Stufen aufgebrochen.
Jede Lösungsmöglichkeit wird nach „Widerstand“ auf einer Skala von
00 (ohne Widerstand = eine mögliche Ja-Stimme im Mehrheitswahlmodus) bis
10 (geht gar nicht = mögliche Nein-Stimme im Mehrheitswahl-Modus)
bewertet und anschließend verrechnet.

Vorteile

  • In einer ersten Zwischenphase können weitere Lösungen oder Lösungsvarianten vorgeschlagen werden. Damit ergibt sich eine deutliche Steigerung der Beteiligungsmöglichkeiten.
  • Der Charme dieser Vorgehensweise ist, dass man mit diesem Verfahren mehrere Ja- oder Nein-Stimmen und auch noch alle Abstufungen dazwischen zu allen zur Auswahl stehenden Möglichkeiten abgeben kann.
  • Die Konsens-Lösungen werden sehr gut von allen aus der Entscheider-Gruppe akzeptiert.
  • Allermeist gibt es keine „Verlierer“; alle sind am erfolgreichen Konsens beteiligt. (Manchmal ist eine Moderation sinnvoll.)
  • Der Fokus wird durch das Verfahren auf kreative und sinnvolle Lösungen und weg vom reinen Macht-Erhalt verschoben. (Darum kann man das Verfahren mit Recht „systemisch“ nennen.)

Nachteile

  • Das Verfahren entspricht nicht unseren eingeübten Wege und Erwartungen. Es bedarf einer Hin- und Einführung.
  • Es ist aufwändig (zeitlich und inhaltlich).
  • In den meisten Geschäftsordnungen von Entscheidungsgremien sind Mehrheitsentscheidungen als Standard-Verfahren festgelegt. Daher muss nach dem Konsensieren noch ein formaler Mehrheitsbeschluss über die einvernehmlich gefundene Lösung herbeigeführt werden.
    (Das sollte dann auch kein wirkliches Problem mehr darstellen.)

Jetzt ein gibt es ein leistungsfähiges online-Tool

Meine ersten Tests in 2017 mit https://www.konsensieren.eu/de/ sind positiv verlaufen. Inzwischen habe ich das Verfahren vielfach erproben. Beispielsweise wurde es bei Entscheidungen über Wahl-Themen im Unterricht einsetzt. Manchmal waren allerdings entweder das Schulnetz oder die Server des Anbieters – oder gar beide – überfordert,

Seit einiger Zeit gibt es ein leistungsfähigeres und intuitiv nutzbares Nachfolge-Werkzeug: acceptify

Noch einige, wenige Tipps für den Admin / den Anlegenden:
  • Ich arbeite in der Regel mit wenig Sicherheit und hoher Anonymität, d.h. mit öffentlichem Link und ohne Anmeldung via Email-Adresse.
    Das setzt ein gewisses Vertrauensverhältnis unter den Teilnehmenden voraus.
  • Legen Sie bitte fest, dass das Ergebnis schon vor Ende des Bewertungszeitraumes sichtbar wird!
  • Ich finde es sinnvoll, die sogenannte „Passivlösung“ auszuschließen, also die Teilnehmer*innen zu nötigen, sich die Mühe der Positionierung auch wirklich zu machen.
  • Oft bitte ich die Teilnehmenden, auf Fragen und Variationen der Themen zu verzichten und kläre die Alternativen vorher. Das spart Zeit und schränkt ein.

Bin gespannt auf Ihre Erfahrungen und Einschätzungen.

Freue mich über Kommentare und besonders über Erfahrungsberichte.

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Weiterführende Links

ursprünglich veröffentlicht im Januar 2017;
zuletzt überarbeitet am 8.02.2020 / 9.09 Uhr      zur druckerfreundlichen Ansicht zur druckerfreundlichen Ansicht

neue Ideen zulassen (Wandel lernen – 3)

Zusammenfassung

Welche Bedingungen und Haltungen benötigen wir, um neue Ideen zu finden, diese auch auszuhalten und sie in neue Handlungsmuster umzusetzen?

Gliederung

Drei wichtige Faktoren: Vielfalt – Aushandlung – Reflexion

Aus der Fülle von sinnvollen Bedingungen greife ich drei für mich besonders wichtige heraus:

a)      Vielfalt statt Einfalt

Vom lebensweisen Michael Lukas Möller (zwei Jahre vor seinem Tod) habe ich die treffende Beschreibung einer erlebnisnahen und weit verbreiteten irrtümlichen Annahme: Es gibt immer zwei Standpunkte, den eigenen und den falschen! In diesem Bonmot spiegelt sich unser Bedürfnis nach Übersichtlichkeit und Bestätigung der eigenen Sicht. (Er bezieht sich dabei offensichtlich auf Channing Pollock.)

Vielfalt überhaupt zuzulassen, bedarf darum einer eigenen Entscheidung, oft auch eigenen Anstrengung.

Wer aber je an einem großen Fest vielfältiger Menschen teilgenommen hat und sich freuen konnte an der Anregung, der hat auch schon einmal erlebt, wie belebend und bereichernd die Unterschiedlichkeit sein kann, wenn wir darin nicht kämpfen müssen oder unterzugehen drohen.

b)      Aushandlung statt nur Bestätigung in der eigenen Meinungsgruppe

Die Vielfalt ist da. Durch die mit dem Schlagwort „Globalisierung“ nur unzulänglich erfassten mehrdimensionalen Prozesse der Vernetzung, Beschleunigung der Prozesse und der vielfältigen Medien wird diese Vielfalt für viele schnell zu viel. Die Frage ist also, ob wir die unterschiedlichen Verhaltens-, Sicht- und Deuteweisen wahrnehmen.

Die nächste Frage ist, ob wir uns auf unterschiedliche Quellen, Meinungen und Anschauungen beziehen wollen und können. Dies nenne ich aushandeln.

c)      Reflexion

Der dritte Schritt wird meiner Beobachtung nach viel zu oft vermieden, übergangen oder vergessen: Nach dem Projekt, nach der Handlung (auch den Sprach-Handlungen) erscheint es mir als sehr sinnvoll, nochmals auszuwerten: Was bedeutet dies? Was war neu? Was hat geärgert? Warum? Was ist gelungen und kann gerne so wiederholt werden? Wo besteht noch dringender Nachbesserungsbedarf?

Mit einer reflexiven Haltung kann Aneigung, Veränderung und Konsequenz in den Handlungen möglich werden.
Und darum geht es mir: Geredet wurde schon viel.

Vielfalt und Spannung bewusst riskieren

Der Hochschullehrer, Psychologe und Begleiter von Veränderungsprozessen, Prof. Dr. Peter Kruse, schildert in diesem siebeneinhalb-minütigen Kurzvortrag seine Erfahrungen mit der Förderung von kreativitätsfördernden Umgebungen. Ich finde seine Gedanken sehr anregend:

Besonders gefällt mir der Vergleich mit dem menschlichen Gehirn und den staatenbildenden Insekten!

Die Kunst der erträglichen Dosierung

Wenn ich in meine eigene Praxis schaue und meine Erfahrungen dazu lege, so scheint mir in der Gestaltung kreativitätsfördernder Umgebungen die Balance zwischen anregender Zumutung und dem Bedürfnis nach Ruhe, Routine und Entlastung der entscheidende Punkt zu sein.

Zuviel Spannung und Störung führt zu unerwünschten Gegenreaktionen wie Vereinfachungen und Abwehr und zu wenig widerstreitet dem Veränderungsdruck.

Kann die Internet-Technologie fördern oder hindert sie?

Darüber lässt sich trefflich streiten:

Die einen sind begeistert und lassen sich von der Fülle der Ideen und Darstellungen anregen, die anderen befürchten oder beobachten, dass sich viele Internet-Nutzer schon wieder vereinfachend nur  noch in Meinungsgruppen oder personalisierten Portals bewegen und eben alle Informationen über die Welt aus wenigen Lieblingsmedien-Seiten beziehen.

Einige wenige gehen sogar von einer demokratiegefährdenden Tendenz aus.

Ich selbst hole mir Anregungen von Kolleg/innen und – zeitlich dosiert – aus dem Internet.

Meine eigene Praxis verrate ich hier gerne auch:

  1. Die wichtigste Quelle sind für mich nach wie vor Personen, die querdenken und ungewöhnliche Verknüpfungen vorschlagen.
  2. Zweitens lese ich nach wie vor Fachzeitschriften, die in meinem Bereich auch manche ungewöhnliche Verbindung und neue Ideen darstellen.
  3. Darüber hinaus nehme ich mir immer mal wieder 15-30 Minuten und gehe bewusst „querfeldein“ im Netz und lasse mich „verführen“, andere, mir nicht bekannte Ideen und Seiten zur Kenntnis zu nehmen.
    Die Zeitbegrenzung hilft mir, nicht in der Informationsmenge zu versinken und nach drei Stunden „Internet-Trance“ mit Kopfschmerzen und völlig verwirrt wieder meiner selbst bewusst zu werden.

Ich kann solche bewusste Vorgehensweisen empfehlen: Sie geben Unbekanntem, Störendem, Neuem eine Chance und überfordern nicht.

Herzlichen Dank für vielfältige Anregungen

Mit Dankbarkeit erinnere ich mich an anregende Diskussionen, auch Streitgespräche in den verschiedenen Ausbildungsgruppen, im Kreis der Kolleg/innen aus sozialer Arbeit, Kirche, Initiativgruppen, Fortbildner/innen und Berater/innen, Lehrkräften und Supervisor/innen.

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zuletzt bearbeitet am 22.10.2011 / 11:00 Uhr           zur druckerfreundlichen Ansicht zur druckerfreundlichen Ansicht