Zur Professionalität von Lehrkräften zähle ich wesentlich
- persönliche Kompeterz (persönliche Bewusstheit, Selbstreflexivität, Lernbereitschaft, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit und Glaubwürdigkeit)
- ausgewiesene Fachkompetenz für die unterrichteten Fächer
- pädagogische Kompetenz (Zielgerichtetheit des pädagogischen Verhaltens auf dem Hintergrund eines eigenen pädagogischen Konzeptes)
Zurecht werden Schulen kritisiert, wenn Unterricht nicht stattfindet oder statt dessen Chaos im Klassenraum herrscht.
Regelmäßig nehmen Medien sich der Themen Unterrichtsstörungen, fehlender Lernbereitschaft von Schüler-Gruppen und der Ohnmacht einzelner Lehrkräfte an. So zeigte das Magazin Panorama im Ersten Deutschen Fernsehen am 5. Juli 2007 erschreckende Ausschnitte aus Video-Clips, die im Internet über Youtube frei zugänglich waren:
Erschreckende Internetvideos aus dem Schulalltag – Dokumentation
Hier war ursprünglich ein Video verlinkt, welches eine Paorama-Sendung vom 5. Juli 2007 gezeigt hatte.
Die Videos wurden inzwischen auf Youtube gesperrt.
Das Manuskript der Panorama-Sendung steht aber immer noch zur Verfügung und ist hier verlinkt.
Zusammenfassend einige Eindrücke zu solchen Szenen:
- Es ist uangenehm laut im Klassenraum.
- Die Persönlichkeitsrechte der Beteiligten werden in den ursprünglichen Videos missachtet, denn jeder Mensch hat ein Recht darauf, mitzubestimmen ob und wie man Filmaufnahmen von ihr/ihm machen darf. – Im von Panorama ausgestrahlten Video wurden die Gesichter aus diesen Gründen unkenntlich gemacht. – Viele Schulen ergänzen derzeit Ihre Schulordnungen und verbieten Aufzeichnungen vom Unterricht ohne Genehmigung noch einmal ausdrücklich.
- Die Schulordnung wird krass missachtet: Es wird durcheinander gesprochen, gepöbelt und geraucht. Alle tun, was ihnen gerade einfällt.
- Man kann Schülerinnen und Schüler dabei beobachten, wie sie jeden Unterricht unmöglich machen.
- Man kann Lehrer in diesem Video-Ausschnitt beobachten, sie ohnmächtig oder teilnahmslos wirken und das bedeutet, sie sind wirkungslos.
- In diesem Chaos ist offensichtlich kein vernünftiges Lernen möglich.
- Update: Inzwischen fällt mir auch die Beziehungslosigkeit zwischen allen Beteiligten auf.
Bemerkenswert finde ich dabei,
- dass dieser Filmausschnitt große Aufmerksamkeit bekam (über 89.200 Klicks; Stand: 7.11.2008)
- dass dieses Video unter „fun” bei isnichwahr.de verlinkt ist, also als “lustig” bewertet wird
- dass die zuständigen Leitungen von Schulen und Schulaufsicht diese „Fälle” herunterspielen und ausweichend reagieren
- dass in diesem Video-Ausschnitt und der zugehörigen Kommentierung des Redakteurs und in einer Bemerkung des Psychologen Prof. Dr. U. Schaarschmidt (Zu seiner Potsdamer Lehrerstudie) der Eindruck nahe gelegt wird, dies sei der „Normalfall”. -
Hier widerspreche ich energisch: In meinem Erfahrungsbereich sind solche Zustände tatsächlich nicht der Normalfall!
Allerdings kommen immer wieder Klassen-Situationen vor, in denen Kolleg/innen und ich die Stimme deutlich erheben müssen.
Auf eine so extreme Unterrichtsstörung muss man nachdrücklich reagieren!
Solche Situationen sind oft das Ende einer langen, mühsamen und erfolglosen Geschichte von Lehr-Lern-Bemühungen.
Ich behaupte nachdrücklich: Szenen dieser Art sind nicht der Normalfall von Unterricht – auch nicht an den angeblich so „schwierigen” Berufsschulen.
(Ich unterrichte selbst an einem technischen Berufsschulzentrum in Freiburg und weiß, wovon ich schreibe!)
Andererseits kann ich mir aus meinen Erfahrungen mit Lehrer-Beratungen gut vorstellen, wie sich solche Situationen im Laufe der Zeit bei einzelnen Lehrerinnen und Lehrern und einzelnen Klassen entwickeln und zuspitzen können.
Ist es erst einmal zu solch chaotischen Verhältnissen gekommen, ist Veränderung dringend notwendig.
Allerdings ist ein Umgestaltung solcherart eskalierter Situationen mühsam.
Was kann eine Lehrkraft in einem solchen Umfeld tun?
- Allein kommen Lehrpersonen in solchen Problem-Lagen nicht mehr weiter.
Hier sind das Klassen-Lehrer-Kollegium, die Schulleitung und die Schulbehörde – als verantwortliche Leitungsinstanzen – gefordert. - Außerdem ist externe Hilfestellung von sozialpädagogischem und psychologischem Fachpersonal, besonders Schulsozialarbeitern gefragt.
(Leider wird an dieser Stelle immer noch gespart. Es ist nach meiner Erfahrung und Bewertung eindeutig die falsche Stelle!) - Den betroffenen Lehrkräften ist dringend persönliche Hilfestellungen von Fachpersonen zu wünschen, denn solche Erlebnisse sind hoch belastend für die Betroffenen.
Ein erster Schritt dazu kann kollegiale Beratung, eine Supervision, ein Coaching oder auch eine Gruppensupervision für Lehrkräfte sein.
Weitere Aspekte von möglichen Unterrichtstörungen:
- Je größer Klassen sind, weil wieder “gespart” wird, und je unterschiedlicher und/oder „schwieriger” die Geschichte der einzelnen Schülerinnen und Schüler ist, um so wahrscheinlicher kann eine Klasse sich so entwickeln, dass Unterricht in diesem Rahmenbedingungen zumindest anstrengend, wenn nicht unmöglich wird.
- Je weniger Eltern und andere Erziehungsinstanzen vor den Schulen erfolgreich waren, um so mehr Erziehungsarbeit bleibt den Lehrkräften – unter Beibehaltung Ihres inhaltlichen Unterrichtsauftrags.
- Wenn Lehrkräfte in ihrer Rolle zunehmend verunsichert werden und zu diesem Themenbereich keine oder wenig kollegialer Austausch und wenig hilfreiche Fortbildungsangebote – auch Supervisionen – angeboten werden, werden Lehrerinnen und Lehrer auch wahrscheinlicher ungünstig reagieren, zum Beispiel eskalieren statt überlegt und entschieden zu korrigieren.
- Manche Unterrichtsstörung ist auch ein Hinweis auf Veränderungsbedarf.
Statt einzelne Personen (Schülerin, Schüler oder Lehrerin oder Lehrer) dafür verantwortlich zu machen, kann es auch sehr sinnvoll sein, nach dem “Aussagewert” oder der Nachricht hinter der als “gestört” wahrgenommenen Situation zu suchen. – Oft benötigen Betroffene, um dies sehen zu können, einigen Abstand und Entlastung. – Kollegiale Gespräche, kollgiale Beratung oder auch Supervision sind dazu hilfreich.
Es gibt schon hilfreiches und anregendes Material zur Vorbeugung von Unterrichtsstörungen. Einige Beispiele:
- Ein eigenes Unterrichtskonzept ist sehr hilfreich für klare Kommunikation.
- Ein zur Lehrer-Persönlichkeit passendes Methoden-Repertoire ist sicher hilfreich:
Ein Methoden-Portfolio für die Sekundarstufe I
Methodische Auflockerungen: Munterichts-Methoden
weitere, methodische Anregungen
Manches finden Sie auch auf dieser Website, wenn Sie nach Methoden suchen.
Dieser Beitrag gehört zur Reihe “Profession Lehrkraft”:
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zuletzt überarbeitet am 10. 10. 2011 / 16:30 Uhr
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