vierfach effektiv lernen

Moderne Hirn- und Lernforschung regen mich an.
So schlage ich hier ein vierfach gestuftes und aktivierendes Verfahren
zur Vertiefung und Überprüfung des Lernstoffs vor.

Ausgangslage
Der „Stoff“ ist mindestens einmal im Unterricht durchgearbeitet.
Anschließend stellen sich allen Beteiligten folgende Fragen:

  • Haben die Schülerinnen und Schüler den Inhalt (und – noch wichtiger: die Zusammenhänge) auch gelernt?
  • Was wissen die Schüler/innen wirklich?
  • Wie kann dieses Wissen so verfestigt werden, dass sie sich auch noch in Monaten und Jahren daran erinnern und es anwenden können?
  • Wie kann dieses vertiefende Lernen auch noch Spaß machen?

1. Schüler/innen entwickeln selbst Test-Fragen zum Unterrichtsthema

Die Klasse wird in Arbeitsgruppen zu 6 bis maximal 8 Personen eingeteilt. Die Schüler/innen setzen sich in diesen Gruppen in eine sinnvolle Sitzordnung.
Jede Gruppe entwickelt 1 bis 3 Test-Fragen zum Unterrichtsstoff und hält diese – gut lesbar – auf Zetteln (für jede Fragen einen einzelnen).

2. Schüler/innen formulieren selbst die erwartete, richtige Antwort
Anschließend schreiben die fragenden Gruppen eine jeweils optimale Antwort (sozusagen einen „Erwartungshorizont“).

3. Spielerische Test-Situation mit Bewertung durch die fragenden Schüler/innen-Gruppen
Nun werden die Fragen in der Klasse öffentlich gestellt und von einer anderen Gruppe beantwortet. Die fragende Gruppe bewertet die Antwort einer anderen Gruppe auf dem Hintergrund ihrer vorher aufgeschriebenen, als optimal erwarteten Antwort und gibt eine Note.

4. Überprüfung und mögliche Ergänzung oder Korrektur durch die Klasse und die Lehrkraft
Diese Bewertung wird von der gesamten Gruppe und der Lehrkraft überprüft. Möglicherweise sollte eine Antwort inhaltlich ergänzt oder eine Bewertung korrigiert werden.

Meine Erfahrungen mit diesem Verfahren

Nach anfänglichem Zögern und verständlicher Unsicherheit ob des ungewohnten Verfahrens lassen sich die meisten meiner Unterrichtsgruppen auf diese Art der spielerischen Lern-Kontrolle und Vertiefung des Verständnisses ein.
Den meisten Gruppen waren dann auch mit Spaß bei der Sache.
Bei mehrmaliger Anwendung – zum Beispiel in der Oberstufe – vermute ich auch bei Einzelnen einen Impuls zu veränderten, sinnvolleren Lern-Formen. (Vereinzelte Rückmeldungen von Schüler/innen haben mich erreicht und bestätigen meine Hoffnung.)

Mögliche Erweiterung

Noch tiefer wird ein auf dauerhaftes Lernen angelegtes Verhalten der Schüler/innen, wenn der überprüfte Stoff der letzten oder vorletzten Unterrichtseinheit entnommen wird. Dann wird kurzfristiges Pauken auf die morgen anstehende Klassenarbeit (nach dem „Kellner-Prinzip“: servieren und vergessen) nicht mehr belohnt und möglicherweise durch eine sinnvollere Lernmethode (regelmäßig kleine Portionen wiederholen) ersetzt.
(Vgl. dazu „Lernen: Für das Leben, nicht für die Klassenarbeiten! (…) Mit dieser einfachen Änderung werden Schüler und Studenten dazu angehalten, nachhaltig zu lernen und nicht ihre Zeit mit sinnlosem Gepauke zu verwenden.“ (SPITZER, Manfred: Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Heidelberg – Berlin: Spektrum. Akademischer Verlag; 3., korrigierte Auflage 2003; 410f)

Literatur-Hinweis und Quelle

SPITZER, Manfred: Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Heidelberg – Berlin: Spektrum. Akademischer Verlag; 3., korrigierte Auflage 2003:
Was Lernen beeinflusst (139-156 zu Aufmerksamkeit; 175-195 zu Motivation)
Schule (399-421)
Auch die hier dargestellte Grundidee wurde mir über Manfred Spitzer bekannt. Leider fand ich die exakte Quelle nicht mehr, in der er ein sehr ähnliches Verfahren für die Überprüfung von mathematischem Unterrichtsinhalt berichtete.

Weiterführende Links:

zuletzt überarbeitet am 9. April 2010 / 10:30 Uhr                           zur druckerfreundlichen Ansicht zur druckerfreundlichen Ansicht

Lernprozesse im Unterricht auswerten

Ich unterstelle allen Menschen zuerst einmal die Fähigkeit zur Neugierde und zum Lernen.

Meine Grundannahme ist, dass Menschen ursprünglich sehr neugierig und wissensdurstig sind und wir deshalb auf einer grundsätzlichen Bereitschaft zum Lernen aufbauen können.

(Dass viele Situationen den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen als wenig einladend zum Lernen erscheint, möchte ich hier nicht abstreiten. Das wird zu einem anderen Zeitpunkt auch einmal eine bearbeitenswerte Frage sein.)

Wenn die Schüler/innen wissen, was sie lernen wollen/sollen, gelingt es auch (besser).

In meinem Unterricht wird zu Beginn die Ausgangslage der Schülerinnen und Schüler erhoben. Dazu gehört die Frage nach den Vorkenntnissen, den Interessen, (inhaltlichen und methodischen) Erwartungen und Befürchtungen und die Information über Lernziele und mein eigenes Grundanliegen mit meinem Unterricht.
Abschließend an diese Standard-Fragen zu Beginn einer Unterrichtseinheit stelle ich die – für viele ungewohnte – Frage, woran die Schüler/innen am Ende erkennen werden, ob der Unterricht für sie ertragreich, also “gut” war.
Alle diese Informationen werden zu Beginn der Einheit schriftlich für jede lernende Person und auch für mich als Lehrkraft festgehalten.

Zum Ende der Unterrichtseinheit wird dann bilanziert.

Solche oder ähnliche Fragen können dabei hilfreich sein:

  1. Welche erwarteten Inhalte wurden zufriedenstellend bearbeitet?
  2. Welche Fragen bleiben offen?
  3. Hat der Unterricht persönliche Kompetenzen gefördert?
  4. Kann das Erlernte auf andere Bereiche übertragen werden?
    (Zum Beispiel: Wurden Methoden erarbeitet, die sich auch zu anderen Themenstellungen sinnvoll einsetzen lassen?)
  5. War die Kurs-Gruppe oder Klasse hilfreich für das Lernen – oder: Was war nicht hilfreich?
  6. Welche Verhaltensweisen der Lehrkraft waren dem Lernen förderlich? – oder: Was hat gehindert?
  7. Bewerten Sie den Unterricht mit einer Schulnote und begründen Sie diese Wertung.

Im anschließenden Gespräch erfahren die Schülerinnen und Schüler mehr über die Einschätzungen der Lehrkraft und die Schüler/innen haben die Möglichkeit, ihre Eindrücke, Bewertungen und Ideen mitzuteilen.

Meine Erfahrungen mit Auswertungen von Unterricht sind positiv.

Das bedeutet nicht, dass alle Teilnehmer/innen meines Unterrichts begeistert sind.
In der Regel schätzen Schüler/innen meinen Unterricht besser ein, als ich selbst.
Gerade, wenn ich mich von einer Gruppen habe “anstrengen” lassen, bin ich häufig überrascht, wie gut die Schüler/innen unterscheiden können und mir rückmelden, dass sie meinen Einsatz schätzen- auch wenn er sie gelegentlich anstrengt.

Wenn die Lehrkraft sich die Noten der Schüler/innen für den eigenen Unterricht begründen lässt, erfährt man als Lehrkraft eine Menge über die Wirkungen von eigenem Verhalten und auch viele Anregungen für die Optimierung des eigenen Unterrichtshandelns.
Dazu möchte ich ermutigen.

Weitere Artikel zum Thema:

zuletzt bearbeitet am 2.03.2010 / 15:56 Uhr              zur druckerfreundlichen Ansicht zur druckerfreundlichen Ansicht

Lernprozesse auswerten

Wenn mein zusammenfassendes Verständnis von Lernprozessen zutrifft, ergibt sich folgerichtig die Einladung, diese in einem gestuften Verfahren auszuwerten.

Für den Lernprozess in der Supervision oder im Coaching stelle ich dies nachfolgend dar.
(Es sollte leicht möglich sein, diese Vorstellung auch für andere Lern-Situationen zu übertragen!)

Ein Lernprozess mehrerer Menschen (und das heißt beispielsweise auch schon eines Teilnehmers/einer Teilnehmerin und eines Beraters) kann meiner Vorstellung nach nur noch in einem gemeinschaftlichen Prozess adäquat ausgewertet werden.
Von zwei meiner Lehrer für den Bereich der Beratung, Ralf Dantscher und Helmut Reichert, habe ich ein Modell kennen gelernt, welches mir sehr hilfreich erscheint. Es stützt sich auf Christoph Thomann und Friedemann Schulz von Thun und ihre vier Klärungsfelder, wendet diese auf das Lernen in Gruppen an und entwickelt sie um die Zeit- und Ergebnisebenen wesentlich weiter:

Beziehung

Inhalt

PROZESS

STRUKTUR

ERGEBNIS

Individuum

Selbstklärung

Persönlichkeit

  • Handlungseinsicht

System

Kommunikation

System

  • Supervisand/innen (Lernende) und Supervisor (Lehrer/Trainer/Moderator) verständigen sich über Erfolg oder Misserfolg

Eine Quelle dieses Auswertungsrasters finden Sie in:

Thomann u.a.: Klärungshilfe
THOMANN, Christoph/VON THUN, Friedemann:
Klärungshilfe.
Handbuch für Therapeuten, Gesprächshelfer und Moderatoren in schwierigen Gesprächen.
(rororo Sachbuch)
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuchverlag, 2. Neuausgabe 2003
Leicht verständlich geschrieben; günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis
hier über Amazon bestellen

Weiterführende Links

zuletzt bearbeitet am 1.03.2010           zur druckerfreundlichen Ansicht zur druckerfreundlichen Ansicht

Literatur und Medien zu “lernen”

Einige kommentierte Empfehlungen zum Themenbereich “lernen”:

Vom Kauf über die Links (die meisten Medien-Titel sind mit buecher.de verlinkt) profitiere ich mit einer Provision, aus der ich mittelfristig die Kosten für die Website refinanzieren möchte.
Vielen Dank dafür, wenn Sie von hier aus einkaufen.

Joachim BAUER: Das Gedächtnis des Körpers
Soziale Umstände bestimmen wesentlich unserer Wohlbefinden – endlich ist dies auch wissenschaftlich belegt.
München: Piper Verlag, erweiterte Taschenbuchausgabe: 5. Aufl. 2005
Wir lernen auch aus Beziehungs- oder Gewalterfahrungen! J. BAUER beschreibt viele Alltagserfahrungen und ihre möglichen Auwirkungen und zeigt schließlich Heilungsmöglichkeiten auf.

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Manfred Spitzer: Lernen
Gehirnforschung und die Schule des Lebens – empfehlenswert
Heidelberg – Berlin: Spektrum Akademischer Verlag, (2002) Neuausgabe 2007
Ein sehr empfehlenswertes Grundlagenwerk.
Ich finde es verständlich, sehr kenntnisreich und dazu noch unterhaltsam geschrieben!

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Joachim BAUER: Warum ich fühle, was Du fühlst
wie wir lernen zu fühlen und mitzufühlen
Hamburg: Hoffmann und Campe, 2005
Die neurobiologische Erklärung, warum wir mit anderen lernen mitzufühlen und vorherzusagen, was sie wahrscheinlich tun werden oder wie sie sich fühlen. Wichtige Kenntnisse für sozial oder gesellschaftlich Interessierte.

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Manfred Spitzer: Selbstbestimmen
Gehirnforschung und die Frage: Was sollen wir tun? – wieder zu empfehlen

Heidelberg – Berlin: Spektrum Akademischer Verlag, (2004), 2008Die Weiterführung der grundsätzlichen Darstellung des aktuellen Forschungsstandes. Hier werden die Fragen der menschlichen Freiheit und Verantwortung grundlegend bearbeitet.

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Unter dem Kürzel “Accelerated Learning” zeigt sich eine missionarisch auftretende Bewegung, die den aktiven Aneignungs- und Gestaltungsprozess betont und dazu methodischen Wege aufzeigt:
MEIER, Dave: Accelerated Learning
Handbuch zum schnellen und effektiven Lernen in Gruppen.


(Edition Neuland) Bonn: managerSeminare Verlags GmbH, 2004
Verständliche Zusammenstellung vieler Ideen – gehobener Preis

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Werner MERZIG / Martin SCHUSTER: Lernen zu lernen
Lernstrategien wirkungsvoll einsetzen.

Lernstrategien wirkungsvoll einsetzen.
Berlin – Heidelberg – New York: Springer, 6. verb. Aufl. 2003 (1982)
Eine kenntnisreiche Zusammenstellung “klassischer” Lernmethodik. Lernen wird realistisch als Arbeit vorgestellt, viele nützliche Vorgehensweisen

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Manfred Spitzer: Achtung Bildschirm!
Der Autor fordert zu einer sorgfältigen Unterscheidung bei der Auswahl der Inhalte für unserer Gehirn auf.

Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft.
Stuttgart – Düsseldorf – Leipzig: Ernst Klett Verlag, 2005
Welche Folgen haben Bildschirmkonsum aus der Sicht der aktuellen Lernforschung?
Fernsehen und Video-Spiele werden als Training aufgefasst und die Folgen dramatisch beschrieben.
Stark vereinfacht:
Fernsehen im Kindesalter macht dick, dumm und gewaltbereit.
Leider korrelieren auch Fernsehkonsum im Jugendalter und schlechte Bildungsabschlüsse.
Eine schnelle Zusammenfassung können Sie als pdf-Datei von der Homepage des Zentrums für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm herunterladen.
Viele Praktiker, die mit Menschen erziehend arbeiten, ahnten schon lange, dass hier eine große Welle von Problematiken auf die zukünftigen Generation zukommen wird.
Hier fasst ein Wissenschaftler verfügbare Daten der internationalen Forschung zusammen und begründet seine drastischen Handlungsempfehlungen – parallel zur Entwicklung im Umweltschutz: Bewusste Diät und Einschränkung und politische Regelungen wie ein Verbot bestimmter Spiele.

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Susann Pásztor / Klaus-Dieter Gens: Ich höre was, das du nicht sagst
Gewaltfreie Kommunikation in Beziehungen
Hier wird eine “Fremdsprache” zum Erlernen emfohlen: gewaltfrei und mitfühlend.

Dieses Büchlein führt auf unterhaltsame und anwendungsnahe Weise in die „gewaltfreie Kommunikation“ nach Marshall B. Rosenberg ein und fasst wichtige Erkenntnisse gut zusammen.

Die Beispiele aus den Gesprächen zwischen Liebes-Paaren und Lebenspartnern sind realitätsnah und teilweise drastisch typisch.
Eine gelungene und praxisnahe Zusammenfassung. Sehr empfehlenswert!
Günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis

Diese Quellen habe ich in einem  Grundsatzartikel zum Thema “Wie wir lernen” aus meiner Sicht zusammen gefasst.

Weitere Medien-Empfehlung zum Thema:

  • Herr Plassmann & Prof. Schmitt von der Universität Duisburg-Essen haben eine interaktive Umgebung zum Thema Lernpsychologie geschaffen. Sehr empfehlenswert.
  • Der Hochschullehrer Beat Döbeli Honegger von der Pädagogische Hochschule Zentralschweiz – Schwyz – Institut für Medien und Schule (IMS) hat Reflexe seiner persönlichen Lernprozesse in Beats Biblionetz veröffentlicht: Sehr anregend und empfehlenswert.
  • Themenseiten der ard: Das Wunderwerk in unserem Kopf: Das Gehirn (mit Podcasts , Videos und weiteren Links)

zuletzt überarbeite: 10. April 2011                       zur druckerfreundlichen Ansicht zur druckerfreundlichen Ansicht