Jugendliche verstehen lernen: Gehirn als Großbaustelle

Die Frankfurter Rundschau druckte am 1. Dezember 2010 ein Interview mit dem Zoologen und Veterinärmediziner David Bainbridge. Er hat ein Buch über Teenager geschrieben und erklärt deren für Erwachsene gelegentlich unverständliche Verhaltensweise aus ihrer biologischen und sozialen Situation.

Der Text bringt Vieles knapp und verständlich auf den Punkt.
Lesenswert:
Das Gehirn ist eine Baustelle.
Buchautor David Bainbridge über eine Entwicklungsphase, die den Homo sapiens erst möglich macht – die Teenagerzeit

Wer dieses Verständnis hat, kann vielleicht in mancher alltäglichen Situation gelassener und freundlicher mit den Teenagern umgehen.
Das wünsche ich allen Eltern, Erziehenden und Lehrerinnen und Lehrern.

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zuletzt bearbeitet am 28.04.2011            zur druckerfreundlichen Ansicht zur druckerfreundlichen Ansicht

Hirnforschung und Spannung – Größenwahn und Verantwortung

Zusammenfassung und Gliederung

Eine intelligente erzählte und spannende Geschichte über schräge Gedanken zur Hirnforschung und ihrer Missbrauchsmöglichkeiten.

Ein eigenes Lesevergnügen

Mit großen Vergnügen ließ ich mich von einem Thriller mit dem widersprüchlichen Titel “Kritik der mörderische Vernunft” unterhalten. Der Autor Jens Johler entfaltet seine Geschichte von Anfang an auf mehreren Ebenen sehr kreativ. Schon mit der ersten E-Mail des Mörders fängt der Erzähler seine Leserinnen und Leser gekonnt ein.

johler_kritik_der_moerderischen_vernunftDie Erkenntnisse
der wissenschaftlichen Hirnforschung
können auch missbraucht werden.

Die Idee der spannenden Geschichte ist, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Hirnforschung zur Kontrolle der Menschen pervertiert werden.
Dem Größenwahn der konspirativen Gruppe von Hirnforschern, Sozialwissenschaftlern und Investoren entstpricht die verbohrte Haltung des Mörders, der sich selbst “Kant” nennt.
Er mordet prominente Hirnforscher und legitimiert seine Taten mit Zitaten aus der kritischen Schrift “Terror der Wissenschaft” des Wissensschafts-Journalisten Troller.

Keine alltägliche Geschichte mit schönen Schilderungen des Alltags

In seine spektakuläre und damit nicht alltägliche Geschichte flicht der Autor gekonnt Schilderungen von alltäglichen Gefühlsverwirrungen, die immer aktuelle Frage nach Liebe und gelingende Beziehungen und schließlich die Frage nach Verantwortung angesichts moderner wissenschafts-technischer Möglichkeiten ein.

Zusammenfassend: Ein Lese-Tipp

Wer von Hirnforschung und Philosophie eine Ahnung hat, wird Schlüsselbegriffe und Zusammenhänge wieder erkennen.

Die anderen werden vielleicht durch diese Lektüre zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit den Themen ermuntert.

Eine Lese-Empfehlung für Menschen, die sich für ein oder mehrerer der folgenden Themen interessieren

  • Hirnfoschung
  • lernen
  • Philosophie
  • investigative Recherche
  • Verschwörungstheorien
  • spannender Unterhaltung

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zuletzt bearbeitet am 04.11.2009 / 07:52                  zur druckerfreundlichen Ansicht zur druckerfreundlichen Ansicht

Schule verbessern (3); nachhaltig lernen lehren

Kurze Zusammenfassung

Allgemein ist die Funktion des Gehirns gut bekannt.
Wir wissen also theoretisch, wie Lernen gelingt.
In den Schulen wird aber überwiegend noch nach der Kurz-Zeit-Lern-Technik gearbeitet:
Zu Klassenarbeit muss der Inhalt gewusst werden, anschließend wird nichts mehr gefragt und nichts mehr wiederholt: Fast alles wird wieder vergessen!
Diese Erfahrungen aus Unterricht und Prüfungen machen mich sehr unzufrieden und nachdenklich: Eine andere Art der Klassenarbeiten kann eine Verhaltensänderung hin zum nachhaltigen Lernen der Schüler/innen bewirken.

Gliederung

Mein Ziel als Lehrer: Nachhaltiges Lernen lehren

Das Wichtigste in der Schule scheint mir zu sein, dass die Schülerinnen und Schüler lernen, wie sie sich selbst notwendiges Wissen selbst erarbeiten und dass sie dabei effektiv werden.
Bisher habe ich dies dadurch angestrebt, dass ich zu Beginn meines Unterrichts über Grundlagen des Lernens und ein paar prinzipielle Funktionen des menschlichen Gehirns informierte und für ein dreistufiges Lern-Verfahren der Schüler warb.

Ein paar Schüler haben diese Empfehlungen aufgenommen und damit gute Erfahrungen gemacht. Es tut gut, nach einigen Jahren dann davon zu erfahren.

Die Mehrheit meiner Schülerinnen und Schüler hat aber zum Zeitpunkt, da ich ihnen eine neue Form des Lernens vorgeschlagen habe, bereits ihre eigene Vorgehensweise eingeübt und sehr stark verfestigt.
Eine Änderung dieses Verhaltens kostet Energie. Warum sollten sich die Schülerinnen und Schüler anstrengen? – Überwiegend hat die weit verbreitete Methode, erst kurz vor der Klassenarbeit zu lernen, bisher doch funktioniert!

Eine realistische Bestandsaufnahme:
Die Mehrheit der Schüler/innen lernt nach dem “Kellner-Prinzip!”

Wer Schülerinnen und Schüler aufmerksam beobachtet (und ich tue dies im Unterricht und manchmal auch in den Straßenbahnen vor und nach dem Unterricht) wird feststellen und hören können, dass sie erst kurz vor Klassenarbeiten oder Prüfungen wirklich ernsthaft lernen.

  • Sie haben dieses Verhalten gelernt.  – Bisher hatte es in der überwiegenden Anzahl der Fälle auch funktioniert.
  • Wir Lehrerinnen und Lehrer haben sie so trainiert, denn wir prüfen in der Regel immer noch am Ende einer Unterrichtseinheit. Das hat ja auch einigen Sinn! Allerdings gibt es auch Nebeneffekte dieser Lehrer/innen-Verhaltens.

Es führt eben leider dazu, dass die Erträge dieser manchmal heftigen Lern-Bemühungen – weil im Kurzzeit-Gedächtnis gespeichert – eben auch nur kurz dort bleiben und dann sehr schnell wieder verloren gehen. – Langfristig bleibt eher eine Abneigung und ein Erlebnis von “Ich kann das halt nicht gut!”, also eher eine Ent- als Er-Mutigung.

Es werden frühere Unterrichtsthemen in Klassenarbeiten abgefragt.

Die Idee in Stichworten:

  • Optimal: Die in einer Klasse oder einer Jahrgangs-Stufe unterrichtenden Lehrkräfte einigen sich auf dieses gemeinsame Vorgehen.
  • Die betroffenen Klassen oder Kurse bekommen einige Grundinformationen über Lernen-lernen und die Grundfähigkeit des menschlichen Gehirns, mehrmals selbständig bearbeiteten Stoff gut zu erinnern.
  • Dann wird angekündigt, dass zukünftig jeweils ein Viertel der erreichbaren Punkte in einer Klassenarbeit oder Klausur über Aufgaben aus länger zurückliegendem und wiederholtem Unterrichtsstoff zu erarbeiten sein wird.
  • Vor jeder Klausur wird der entsprechende Stoff rechtzeitig angekündigt und in einer Schulstunde neu entstandene Fragen auch beantwortet.
    Für diese Wiederholungs-Stunde für länger zurückliegende Inhalte eignet sich die “Über-Kreuz-Frage-Methode”, wie sie im Beitrag “vierfach effektiv lernen” dargestellt wurde.

Begründung

  1. Nur wenn es eine Verhaltensänderung (hin zum nachhaltigen Lernen, das heißt regelmäßigen Wiederholen und selbständigen Arbeiten) einen Unterschied macht (und das bedeutet für Schüler/innen, wenn die Noten sich ändern), werden wir ein anders Lehr-Lern-Verhalten etablieren können!
  2. Die Schüler/innen haben diese Verhaltensweisen als Reaktion auf bisherigen Unterricht und ihre Erfahrungen mit Leistungsmessungen entwickelt. Der Ansatz für eine Veränderung muss demnach höchstwahrscheinlich und logisch auch wieder in einer anderen Art von Unterricht und Formulierung von Aufgaben für Klassenarbeiten liegen.
  3. Kurzfristig wird sich der gefühlte Leistungsdruck bei der Schüler/innen erhöhen. (Ich höre sie schon rufen: “Was sollen wir denn noch alles lernen?”
  4. Langfristig wird diese gehirngerechtere Art zu lernen die Schüler/innen aber entlasten, denn sie werden sich durch regelmäßiges Wiederholen und Fragen-Stellen-Können in der Wiederholungsstunde vor der Klassenarbeit die Inhalte länger merken und neue Inhalte besser merken und einordnen können.

Eine Diskussion über Kommentare ist mir herzlich willkommen!

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Dieser Beitrag gehört zur Reihe “Schule verbessern”:

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Zuletzt geändert am 15. September 2011 / 11:00 Uhr zur druckerfreundlichen Ansicht zur druckerfreundlichen Ansicht

Schule verbessern (1): im rasanten Wandel

Kurze Zusammenfassung und Gliederung

Die Welt, für die Kinder, Jugendliche, Auszubildende und Studierende gebildet und ausgebildet werden sollen, verändert sich mit zunehmender Geschwindigkeit. Die Steigerungsraten sind exponentiell.
Damit werden die Rahmenbedingungen für Schulen, Ausbildungen und Studiengänge extrem unübersichtlich.
Klagen helfen nicht! – Alle Beteiligten sollten sich damit auseinander setzen und produktiv nach Lösungswegen und Lösungen suche.

Positiv gestimmt bleiben und auch positiv formulieren

Mit diesem Artikel beginne ich eine lose Reihe mit gesammelten Ideen und Überlegungen zur Verbesserung der Schulen.

Gejammert und beklagt wird genug über:

  • mangelnde Ausstattung der Schulen und Klassenzimmer
  • die optimierbare Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer
  • fehlende Schlüsselqualifikationen, Grundbildung und auch Erziehung von Schülerinnen und Schülern
  • schlechtes Image der Lehrkräfte und der Schulen, Ausbildungen und Studiengänge

Aus meiner Kenntnis hirnphysiologischer Bedingungen des menschlichen Lernens weiß ich, dass Verneinungen vom Gehirn ignoriert werden. Damit sind Negativ-Aussagen genau nicht produktiv handlungsleitend, sondern sie wirken in die unerwünschte Richtung: Die beklagten Zustände werden in dieser Negativ-Sprache für das Gehirn bestätigt und verfestigt!

Bedenkenswerte Ansätze und gute Praxis wird hier gesammelt und weiter gegeben.

Es gibt eine Menge guter Ideen und bedenkenswerter Ansätze. Manchmal sind sie allerdings etwas versteckt. Manchal wundere ich mich im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen, dass diese von ener Quelle oder eine Idee noch nichts erfahren hatten.
Dies war dann zuletzt der Anstoß für diese Reihe: Wenn ich etwas Anregendes finde oder schon kenne, von dem ich annehme, dass diese Idee oder Praxis aufbauende für gute Schulen der Zukunft sein könnte, werde ich davon dieser Reihe “Schule verbessern” berichten.

Shift happens! – Did You Know?

Schon vor über einem Jahr wurde ich auf eine kurze Präsentation aufmerksam: Der US-Amerikaner Karl Fisch hatte in sechs Minuten die immensen Veränderungen in unserer Gesellschaft und die sich in rasantem Tempo verändernden Anforderungen an die zukünftigen Generationen eindrucksvoll zusammen gestellt. – Er gab seiner Präsentation den hintergründig anlautenden Titel “Shift happens!”

Neulich stieß ich wieder darauf und stellte fest, dass es inzwischen mehrere aktualisierte Versionen und auch eine etwas ältere deutsche Version bei Youtube gibt:

Did You Know 3.0 – Shift happens! (by Karl Fisch)


direkt zu Youtube
Das zum zugehörigen Team- und Schul-Entwicklungsprozess gehörendes Blog “Fischbowl” (Dort finden Sie auch den Text der ursprünglichen Power-Point-Präsentation vom August 2006 und Vieles mehr.)

Bei dotSUB.com ist die neueste Version auch zu sehen – mit dem Vorteil, dass man die Untertitel in vielen Sprachen wählen kann. Diesen Tipp fand ich beim Torsten Meyer, Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg.

Eine aktualisierte, deutsche Version von März 2009:


direkt zu Youtube
[Ursprünglich entwickelt von Karl Fisch, unterstützt von Scott McLeod. Dann ins Deutsche übersetzt von Bernd Nürnberger und schließlich weiter angepasst in März 2009 von Barry van Setten.]

Weitere Hintergrund-Informationen und Versionen:

Einige bemerkenswerte und herausfordernde Aussagen:

  • Ganz viele Rahmenbedingungen ändern sich in zunehmender Geschwindigkeit. Die Kurve verläuft exponentiell!
  • Die Bevölkerungsanteile der Weltbevölkerung werden sich sicher verschieben.
  • Das verfügbare Wissen wächst rasend schnell und die Zugangsmöglichkeiten für viele Menschen wachsen noch schneller.
  • Durch expotenziell wachsende Medien-Nutzung verändert sich unsere Wahrnehmung der Welt und die Bewertung des Wissens
  • Schließlich können wir annehmen, dass die Anforderungen an erfolgreiche Lernumgebungen sich auch verändert haben.

Nun beginnt die pädagogische Herausforderung

Was bedeutet dieser Wandel für Schülerinnen und Schüler und natürlich auch für Lehrerinnen und Lehrer?
Die Diskussionen haben in manchen Kollegien und Meinungsgruppen und der pädagogischen Theorie begonnen.
Nun sind die Lehrkräfte gefordert, Versuche zu starten, zu erproben und Erfahrungen zu sammeln.

Die Lehrkräfte und die Schule sollen selbst in einen Lernprozess eintreten.
(Mehr dazu bald in einem nächsten Text in dieser Reihe.)

Weitere Tipps und Hinweise und selbstverständlich auch Diskussionsbeiträge sind sehr erwünscht

Wenn Sie Material verfügen

  • über Ausgangspunkt für neue Entwicklungen
  • über erfolgsversprechende Ideen
  • oder gelingende Praxis

bitte ich um einen Hinweis und möchte diese Tipps und Materialien dann gerne wieder hier veröffentlichen.

Auch Kommentare sind mir herzlich willkommen!

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Dieser Beitrag gehört zur Reihe “Schule verbessern”:

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    Zuletzt geändert am 06. April 2010 / 10:45 Uhr                          zur druckerfreundlichen Ansicht zur druckerfreundlichen Ansicht

    Profession Supervision (3): Was ist alltägliche Hypnose?

    Zimmermanns These: Hypnotische Phänomene sind alltäglich!

    Der klinische Hypnose-Ausbilder, Hans-Peter Zimmermann, erzählt in einem 40-minütigen Podcast (HPZs-Power-Podcast Nr. 59), wesentliche Grundfragen über Hypnose.

    Oft werden diese nach Meinung des Hypnose-Fachmanns unbewusst, sicher oft aber auch bewusst eingesetzt. – Wie bei vielen anderen wirkungsvollen Instrumenten kommt es wesentlich darauf an, mit welcher Absicht und welcher Haltung sie eingesetzt werden.
    Die vielgestaltig möglichen alltäglichen Suggestionen aufzudecken ist das Ziel seines kostenlosen E-Books “Hypnose im Alltag”. Ich habe den Text mit Gewinn gelesen und viele bekannte Muster wieder erkannt.
    Diesen Text und vieles andere Anregende finden Sie auf der Website von Herrn Zimmermann, die ich empfehlen kann:

    • sehr anregend
    • pfiffig und – auch medial – vielfältig
    • unterhaltsam und humorvoll
    • und freigiebig

    Welchen Bezug gibt es zum Beratungsformat “Supervision”?

    Aus meiner Praxis als Supervisor kenne ich vielfältige Formen von suggestiven Einflüssen auf meine Klientinnen und Klienten. Häufig stelle ich auch hoch wirksame Selbst-Suggestionen fest. – Manche Problem-Beschreibungen sind zum Beispiel so gut eingeübt und darum so hartnäckig, dass es schwer fällt, andere Blickweisen darauf zu wagen.

    Wie können Sie selbst bemerken, dass jemand oder Sie selbst mit hypnotischen Vorgängen konfrontiert ist oder war?

    Solche Beeinflussungen können aufgedeckt und in ihrer Wirkung (im Sinne der Klienten) umgestaltet werden!

    Für einen angstfreien und unbefangenen Umgang mit hypnotischen Phänomenen im Alltag

    Hans-Peter Zimmermanns Definition von hypnotischen Phänomenen, von Suggestionen ist weit gefasst und folglich kann er auch mit guten Gründen annehmen, dass viele solcher Beeinflussungen im Alltag stattfinden.

    Schon seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit hypnotischen Phänomenen und Trance-Zuständen.
    Das bedeutet nicht, dass ich mir einbilde, nicht selbst auch immer wieder in solche Beeinflussungen verstickt zu werden.

    Im Laufe der Zeit habe ich den Mut entwickelt,

    • mit solchen hypnotischen Phänomenen zu rechnen
    • mich ihnen zu widersetzen, wenn ich sie erkenne
    • sie bewusst und wohl überlegt einzusetzen.

    Ich bin gespannt, was Sie davon halten!

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    Weiterführende Links

    Artikel-Reihe zur “Profession der Supervision”.

    Diese Reihe wird in loser Folge fortgeführt.

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    Zuletzt bearbeitet: 26.11.2009 / 08:38 Uhr                           zur druckerfreundlichen Ansicht zur druckerfreundlichen Ansicht

    Weder Dressur noch Traum sondern kluge Unterstützung für Schulen

    Prof. Dr. Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie an der Universität Göttingen, lässt in der Süddeutschen Zeitung vom 30. September 2008 unter der reißerischen Überschrift “Schluss mit der Dressurschule!” ein Interview von sich veröffentlichen.

    Mit dem Hochschullehrer Prof. Dr. G. Hüther bin ich – ein Lehrer an einer technischen Berufsschule – in Folgendem einig:

    1. “Es ist kein Naturgesetzt, dass Kinder die Lust am Lernen verlieren!”
      Kinder lernen – wie alle Menschen lernen – grundsätzlich unwahrscheinlich viel, nämlich alles, was um sie herum passiert, besonders das Eindrückliche und emotional Bedeutsame. So kann ein Kind gehen, sprechen und zum Beispiel auch die Gestik oder Sprachmelodie der Eltern lernen.
      Unser Gehirn ist genau dafür geschaffen: Es lernt einfach so. – Also lernt das Kind auch die Einstellungen der Eltern, Erzieher/innen und Lehrer/innen und natürlich – oft genauso bedeutsam – die Einstellungen aus den Freundeskreisen und den Medien.
    2. Für jedes Lernen ist es auf jeden Fall günstig, wenn die Atmosphäre angenehm und von guten Beziehungen getragen ist.
    3. Purer Druck, Drill oder Dressur, schafft voraussehbar keine guten Lernergebnisse.
      Die für effektives Lernen wesentliche Motivation geht verloren. Motivation ist aber wesentlich, weil sie die Bereitschaft ist, sich zu mühen, es auch gegen Widerstände nochmals zu versuchen. Dies ist für erfolgreiches Lernen, vor allem von größerer Zusammenhänge, aber wesentlich.
    4. Ideal für das Lernen ist es, wenn Menschen sich den Lernstoff und die Ziele selbst aussuchen können.
      Beispielsweise erbringen Kinder und Jugendliche enorme Lern-Leistungen in ihrem Hobby und nur die Hälfte dieser Energie in den traditionellen Schul-Fächern eingesetzt, würde enorme Auswirkungen zeigen!
    5. Auf die vielen Erkenntnisse über Lernen und die dafür notwendige Unterstützung haben viele Schulen noch nicht ausreichend geantwortet.
      Zwar gibt es viele Aufbrüche und auch schon erprobte Konzepte, wie viele reformpädagogische Ansätze, zum Beispiel das Montessori-Konzept mit seinem Ankoppeln an der Neugier und der Selbststeuerungsfähigkeit von Kindern und die Idee der Freiarbeit.
      Aber diese Ideen haben sich noch lange nicht durch die vielen vielen Schulen, deren Kollegien und erst recht nicht in die Verwaltungen verbreitet.
    6. Es gibt viel Änderungs- und Entwicklungsbedarf in den Schulen. Die großen öffentlichen Schulen und die diese steuernde Kultus-Verwaltung tun sich schwer mit konsequenten Reformen. Die Konkurrenz der Privatschulen wird diesen Prozess vielleicht beschleunigen.

    Bedenken habe ich

    1. bei der Verallgemeinerung: Lernen geht auch in der formalen und für alle Kinder verpflichtenden Schule und es muss nicht von einem Extrem (der Dressur) ins andere (die “Antipädagogik”) gependelt werden. – Oder wollte Herr Prof. Dr. Hüther das so gar nicht behauptet haben?
    2. bei der Verallgemeinerung, dass in einem Unterricht im staatlichen Schulsystem die Kinder überwiegend über- oder unterfordert werden und darum laut und störend werden (müssen).
      Leider muss ich berichten, dass die sehr großen Klassen eine gefährliche Tendenz in diese Richtung wahrscheinlicher machen.
    3. ob mit der eher resignativen Vorhersage der Reform-Unfähigkeit des öffentlichen Schulsystems den Lernchancen der Kinder und Jugendlichen tatsächlich geholfen wird.
      Wir haben ein flächendeckendes, öffentliches Schul-System. Das ist zuerst einmal sinnvoll. Bildung darf nicht an den Geldbeutel der Eltern gekoppelt werden. Eine differenzierte, demokratische und einigermaßen offene Gesellschaft benötigt als Basis eine Grundausbildung aller Bürgerinnen und Bürger.

    Ich schlage vor,

    • diese Diskussion auch zu Ende zu führen und die Konsequenzen zu ziehen, die sich aus den Erkenntnissen moderner Hirn- und Lernforschung ergeben.
      Dabei möchte ich auch gerne, dass wir ehrlich und vorsichtig bleiben: Manche Schlussfolgerungen aus den empirischen Daten ist nicht so eindeutig und zwingend, wie dies auf den ersten Blick (auch der Hochschullehrer) scheinen mag.
    • den (staatlichen) Schulen und den engagierten Lehrkräften etwas zuzutrauen und sie vor allem dabei zu unterstützen, ihre Aufgabe zu erfüllen.
    • die Verteilung der Gewichte zu überprüfen und Finanz-Politik und Bildungs-Politik zur Neuverteilung von Geld und Möglichkeiten zugunsten von Bildung zu bewegen.
      Lehrerinnen und Lehrer sind ein sehr großer Personenkreis. Wenn an dieser große Gruppe gespart wird, dann hat dies einen sehr bedeutsamen Effekt (in mindestens doppeltem Sinne)!
      Tatsächlich wird diese Personengruppe seit Jahren mit einer Ausweitung der Arbeitszeit bei nahezu gleichbleibenden Bezügen konfrontiert. (Wer jetzt neidisch an die vielen “Ferien” denkt, lese einfach den nächsten Punkt über offensichtlich falsche Bilder und deren dauernde Wiederholung.)
    • das Ansehen von Lehrerinnen und Lehrern, Erzieherinnen und Erziehern in unserer Gesellschaft behutsam anzuheben und den dummen und schon lange falschen Vorurteilen (auch aus prominentem Munde) entgegen zu treten.
    • den für den Lehrberuf ungeeignete Personen Alternativen zu bietet, damit sie aussteigen können.
    • die Kritische Diskussion um das Wort “kostenneutral” in der Bildungspolitik zu eröffnen, die politisch Verantwortlichen regelmäßig mit ihrer eigenen Programmatik zur Bildung zu konfrontieren und sie (bei den Wahlen) an ihren Taten zu messen.
      Dazu nur ein kleiner, vielleicht aufdeckender Vergleich:
      Niemand käme auf die Idee, den Mitarbeiter/innen in der Produktion in einem Automobilkonzern den Auftrag zu erteilen, ein neues Auto zu entwerfen während sie natürlich weiter die tägliche Produktion gewährleisten. -
      Genau so empfinde ich, wird zur Zeit mit Lehrkräften verfahren: Findet neue pädagogische Wege und Antworten auf neue Herausforderungen! Zeit und Freiraum haben wir dafür leider nicht; dafür haben wir kein Geld!
      Leider habe ich Anlass zu Befürchtungen, dass schon wieder über eine Erhöhung des Arbeitspensums für Lehrkräfte nachgedacht wird. Unter kurzfristigen, finanziellen Gesichtspunkten kann dies sinnvoll erscheinen.
      Meine Bitte ist, auch über langfristigen Folgen nachzudenken. Wer denkt zum Beispiel an die Motivation und die Gesundheit der Lehrkräfte? Wer denkt an die kommenden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, an die Bürger/innen der nächsten Generationen?

    Ich danke Herrn Prof. Dr. Gerald Hüther für seine provozierenden Aussagen und hoffe, dass diese und auch meine Gedanken – am “Welt-Lehrer-Tag der UN” erdacht – konstruktive Kritik und eine engagierte Diskussion über Schulen, Lehrkräfte und unterstützende Bedingungen für das Lernen der Kinder und Jugendlichen anregen.